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30 junge Menschen sprechen mit sterbenden Menschen und deren Angehörigen

22. Mai 2012 09:14 von EANN | Kategorie: Bayern, BW, Jugend, MRV, NIB

Am Donnerstag, den 24. Mai 2012, findet im Forschungs- und Entwicklungszentrum Witten (FEZ, Alfred-Herrhausen-Str. 44, www.fez.de) die Auftaktveranstaltung zum Projekt “30 junge Menschen sprechen mit sterbenden Menschen und deren Angehörigen” statt. Ziel des Projekts ist es, dass junge Menschen eine reflektierte Haltung zum Lebensende und zum Tod gewinnen, indem sie mit sterbenden Menschen und deren Angehörigen sprechen. Diese Gespräche werden per Video aufgezeichnet und für eine öffentliche Präsentation aufbereitet. Darin stellen die jungen Menschen ihr Projekt, ihre Erfahrungen und ihre Erkenntnisse aus dem Diskursprojekt öffentlich zur Diskussion.

Die Veranstaltung beginnt um 16.30 Uhr und dient dem Kennenlernen der 30 jungen Menschen untereinander, einem ersten Kontakt zu dem Projektteam sowie einer detaillierten Vorstellung der einzelnen Projektphasen.

Das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderte Diskursprojekt wird in Kooperation zwischen dem Interdisziplinären Palliativzentrum (IZP) am Universitätsklinikum Düsseldorf und dem Institut für Ethik und Kommunikation am Gesundheitswesen (IEKG) an der Universität Witten/Herdecke durchgeführt.

Die Tatsache, dass das Lebensende kein Gegenstand der Erfahrung ist, hat seinen Grund nicht nur in der bekannten Entwicklung, dass Menschen immer häufiger ohne Familie oder außerhalb von Familien alt werden und sterben müssen.

Zu diesem Prozess haben auch die modernen Lebenswissenschaften und ihr Umfeld beigetragen. Ein Viertel der Bevölkerung der westlichen Länder ist heute über 65 Jahre alt. Dank der modernen Medizin werden Menschen älter und sterben langsamer. Die Literatur weist darauf hin, dass viele sterbende Menschen den Wunsch haben zuhause zu sterben und dass die Präferenz des Sterbeortes über den Krankheitsverlauf relativ stabil bleibt.

Projektseite: www.30jungeMenschen.de

Obwohl viele pflegebedürftige Menschen in Deutschland auch tatsächlich im häuslichen Umfeld versorgt werden, versterben laut einer vom Bundestag in 2004 in Auftrag gegebenen Gutachten nur 40 bis 55 Prozent aller Patienten zu Hause (25 bis 30 Prozent) oder im Pflegeheim (15 bis 25 Prozent). Die Hauptorte des Sterbens sind im europäischen Durchschnitt mit 50 bis 60 Prozent der Sterbefälle stationäre klinische Einrichtungen.

Die Behandlung eines Patienten, der in die Phase des Lebensendes eintritt, ist durch die Errungenschaften der modernen Lebenswissenschaften gleichzeitig so komplex geworden, dass das Sterben zum großen Teil institutionalisiert wurde und nur noch im Krankenhaus stattfinden kann. Das Sterben findet im Krankenhaus, und damit außerhalb der alltäglichen Erfahrungswelt der Patienten und ihrer Angehörigen statt. »Die Zahl der Alten, die gänzlich oder nahezu gänzlich allein sind, ist groß und sie dürfte eher wachsen. Im Krankenhaus, Altenpflegeheim, im Hospiz oder auch allein in ihrer Wohnung sterben immer häufiger Menschen, deren Familie nicht präsent ist – weil es sie nicht mehr gibt, oder weil es keinen Kontakt mehr zu ihnen gibt.« (Gronemeyer 2007, 272)

Wenn vom Einfluss der Lebenswissenschaften auf das Lebensende die Rede ist, geht es nicht nur um die Auswirkungen von konkreten medizinischen Versorgungsformen auf das alltägliche Leben, sondern um mehr: nämlich um die Durchsetzung einer bestimmten Sichtweise und Interpretation des Lebens.

Lebenswissenschaften sind Biowissenschaften und Medizin in quasi philosophischer Absicht. Sie betreiben naturwissenschaftliche Grundlagenforschung oder ein Optimierung technologischer Intelligenz, mit der sie meist ein umfassendes Bild von Mensch, Natur und Leben verbinden, wie es in früheren Zeiten nur die Philosophie entwarf. Aufgrund dieser Weltbildnerfunktion verbinden sich manche Lebenswissenschaften mit neueren Visionen von der Optimierung des Lebens durch künstliche Intelligenz und andere Techniken. Die mit diesen Diskursen zusammenhängenden Tendenzen, die auf einen Zuwachs des konstruktiven Paradigmas zur Erklärung dessen, was Menschlich sein soll, setzen sich in anderen Disziplinen fort.

Sind der Anfang des Lebens oder das Geschlecht (der Frau) oder die Behinderung eines Menschen oder die Formen des Lernens u.a.m. nicht Ergebnisse von überwiegend künstlichen, auf Technologie und entsprechenden Interpretationen beruhenden Prozessen? Diese Frage wird seit Jahren in den bekannten und dokumentierten ethisch-politischen Diskussionen um die Embryonenforschung, den Feminismus, die Behindertenpädagogik und die (Neuro)Pädagogik kontrovers verfolgt.

Vom Zeitalter der Konstruktion sind auch die Phänomene Tod und Lebensende affiziert worden. Die grundsätzlichen Menschheitsfragen, was das Lebensende ausmache und wann der Tod als eingetreten gelten könne, sind durch die Medizintechnologie und ihre Sichtweisen eine neue Perspektive gestellt. Bereits mit der Einführung der künstlichen Beatmung wird unklar, ob durch sie lediglich ein natürlicher Prozess künstlich unterstützt wird oder ob nicht vielmehr das Künstliche das Natürliche ablöst und der Apparat die Funktion des Körpers übernimmt. Einen weiteren Schritt in die Künstlichkeit stellt die Feststellung des menschlichen Todes dar. Der Hirntod wird demnach nicht als bereits eingetreten festgestellt, sondern er gilt durch die Feststellung anhand eines entsprechenden Protokolls als eingetreten. Aufgrund dieser Performativität kann man geradezu von einer Konstruktion des Todes sprechen.

Der sich offenbar verwischende Unterschied zwischen Science und Science-Fiktion, der suggeriert, dass das Lebensende eine erfahrungsferne Konstruktion sein könnte, trifft unsere Lebenswelt in einer Situation, in der der Tod und das Sterben allmählich verschwinden. Obwohl über sie in den Medien gesprochen und berichtet wird, haben doch immer weniger Menschen erfahrungsbasierte Einstellungen zum Lebensende und zum Tod.

Zusammenfassend kann von einer »Ambivalenz« im Hinblick auf »Wirklichkeit des Sterbens«(Rölli 2007) gesprochen werden. Tod und Lebensende sind einerseits keine Tabus, denn sie sind in aller Munde. Andererseits schwindet der lebensweltliche Bezug zum Sterben. Der Tod gehört nicht zum Leben. Niemand macht Erfahrungen im Umgang mit dem Tod. Niemand gibt entsprechende Erfahrungen weiter. Damit ist nicht gesagt, dass es je »gute, alte Zeiten« gegeben hätte, in denen es »besser« gewesen wäre, sondern lediglich, dass es gegenwärtig an einer erfahrungsbasierten Haltung in der Frage des Todes, des Sterbens und des Lebensendes fehlt, die durch die Errungenschaften der modernen Lebenswissenschaften mitbedingt sind. (EANN)

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